Verschärfte Tabaksteuerpläne treffen das Gemeinwohl an der Ladentheke

 

Die Zahl der Lotto-Annahmestellen ist erstmals unter 20.000 gefallen. Ausgerechnet jetzt wollen Union und SPD die Tabaksteuer stärker anheben als von der Regierung beschlossen. Der Bundesverband Lotto-Toto-Verkaufsstellen Deutschland (BLD) warnt, dass die Verschärfung ein Netz trifft, das Nahversorgung, Pressevertrieb und Jugendschutz sichert und drei Viertel des Lottovertriebs trägt, aus dem jedes Jahr Milliarden für Sport, Kultur und Soziales fließen.

 

Frankfurt am Main, 1. September 2026. Union und SPD haben in der vergangenen Woche einen Änderungsantrag zum Tabaksteuergesetz vorgelegt, der die vom Kabinett beschlossene Anhebung nochmals verschärft. Eine Schachtel Zigaretten dürfte danach 2031 rechnerisch fast zwölf Euro kosten. Die Pläne treffen ein Netz, das bereits schrumpft: 2025 gab es nach Angaben der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder noch 19.942 Lotto-Annahmestellen, erstmals weniger als 20.000. Der BLD warnt, dass die Steuerpläne diesen Rückgang beschleunigen und Umsatz in den Schwarzmarkt verlagern, und fordert vom Finanzausschuss eine Folgenabschätzung, bevor der Bundestag entscheidet.

 

„An unseren knapp 20.000 Läden hängt mehr als eine Schachtel Zigaretten. Sie tragen die Nahversorgung, den Vertrieb von Presse und Lotto und den Jugendschutz an der Ladentheke. Wer die Steuerschraube noch einmal anzieht, sollte wissen, was er damit aufs Spiel setzt", sagt Günther Kraus, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des BLD.

 

Ein Netz dünnt aus

 

Anfang der 2000er Jahre gab es in Deutschland noch rund 25.000 Annahmestellen. Der Rückgang hält an, nach Auswertung des BLD schließen seit 2022 im Schnitt fast 300 Geschäfte pro Jahr. Die meisten davon sind Familienbetriebe, geführt von Menschen, die selbst hinter der Theke stehen und ihre Arbeit mit Leidenschaft machen, weil sie wissen, was ihr Laden für den Ort bedeutet. Doch gibt ein Betreiber sein Geschäft aus Alters- oder Wirtschaftlichkeitsgründen auf, findet sich zunehmend keine Nachfolge. Das Geschäftsmodell wird immer prekärer. Und mit jeder Schließung verliert ein Ort mehr als eine Verkaufsstelle. Es verschwindet der Tresen, an dem man morgens die Zeitung holt und dabei ein paar Worte wechselt, die Anlaufstelle für das Paket, der Treffpunkt, an dem sich Nachbarn begegnen. Gerade für ältere Menschen oder in kleinen Gemeinden ist die Annahmestelle oft das letzte Stück Alltag im Ortskern.

Eine tragende Säule dieses Geschäftsmodells ist der Tabakverkauf.

 

Rund 90 Prozent der Annahmestellen handeln mit Tabakwaren, weil das Lottogeschäft allein die Kosten eines Ladenlokals nicht deckt. Er ist nicht der einzige Bereich, in dem es schwieriger wird. Das Kauf- und Spielverhalten verändert sich, Presse und Zeitschriften verlieren an Umsatzkraft, private Anbieter drängen in den Glücksspielmarkt. Der Tabakumsatz schwindet mit den Raucherzahlen, ein Teil des Geschäfts wandert in den Schwarzmarkt ab. Und Produkte, die den Rückgang bei klassischen Zigaretten ausgleichen könnten, werden zunehmend reguliert oder verboten, darunter Aromen, Einwegvapes und Nikotinpouches. Dazu kommen steigende Mieten, Energiepreise und Personalkosten, die jeden kleinen Einzelhändler treffen. Auf diese Gemengelage trifft nun die nochmals verschärfte Steuererhöhung. „Die Steuererhöhung verstärkt eine Entwicklung, die längst im Gang ist. Und sie trifft die Betreiber in einem Moment, in dem viele ohnehin rechnen, ob sich das Aufsperren am Morgen noch lohnt", so Kraus.

 

Was mit jeder Schließung verloren geht

 

Die Annahmestellen erwirtschaften rund 75 Prozent des Lottovertriebs und bilden damit die Grundlage für die Milliardenbeträge, die jedes Jahr aus den staatlichen Lotterien in Sportvereine, Kulturprojekte, soziale Einrichtungen und den Denkmalschutz fließen. „Jede Annahmestelle, die aufgibt, reißt eine Lücke, die kein Onlineshop füllt. Der Lottoschein wandert vielleicht ins Netz. Die Zeitung, die Paketannahme und die Alterskontrolle an der Ladentheke tun das nicht", so Kraus.

 

Zweifel hat der BLD auch an der Rechnung, die dem Änderungsantrag zugrunde liegt. Die Koalition erwartet von der Verschärfung Mehreinnahmen von zusätzlich rund 766 Millionen Euro bereits im Jahr 2027. Diese Rechnung setzt voraus, dass die Verbraucher unverändert legal kaufen. Frühere drastische Steuersprünge haben jedoch gezeigt, dass Raucher bei hohem Preisdruck in den Schmuggel und den grenznahen Einkauf ausweichen. Der Schwarzmarkt kennt keine Alterskontrolle und keine Qualitätsstandards, und er führt keinen Cent an den Staat ab. Was sich dorthin verlagert, fehlt am Ende in der Kalkulation.

Folgenabschätzung vor dem Beschluss

 

Der BLD fordert den Finanzausschuss deshalb auf, vor einem Beschluss eine Folgenabschätzung vorzulegen, die die flächendeckende Nahversorgung, die Gemeinwohlabgaben aus dem Lottovertrieb, den Jugendschutz und die Verlagerung in den illegalen Handel einbezieht.

 

„Wir stellen die Lenkungswirkung der Tabaksteuer nicht infrage. Aber wer sie in dieser Lage überproportional anhebt, riskiert eine Infrastruktur, die Nahversorgung, Pressevertrieb, Jugendschutz und Gemeinwohlfinanzierung zugleich trägt. Bevor der Bundestag das beschließt, sollte er wissen, was er damit auslöst. Eine Folgenabschätzung ist das Mindeste", sagt Kraus.

 

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BLD:

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E-Mail: geschaeftsfuehrer@bld-lottoverband.de

Autor: 01.09.26

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